40. Jahrestag der Atomkatastrophe Tschernobyl – Rede der IL

am 25.04.26 am Karlsruhe 2026

Leider ist es in der letzten Zeit immer wieder zu hören: Atomkraft wäre als CO2 freie
Energieform die Lösung unserer Energieprobleme gewesen und es war falsch, wenn
nicht sogar fatal, aus der Atomenergie auszusteigen.
Lasst es mich klipp und klar an dieser Stelle sagen: Der Prozess der reinen
Energiegewinnung ist CO2 neutral, jedoch muss die komplette Atomspirale dabei
berücksichtigt werden, muss vom Abbau des Urans bis hin zur Endlagerung die
Atomenergie betrachtet werden. Dabei zeigt sich, dass die Behauptung, die
Atomtechnologie sei CO2 neutral, nicht zutreffend ist.
Der Weltklimarat schätzt, dass für den Betrieb eines AKWs bis zu 100 g CO2
Äquivalent pro produzierter Kilowattstunde Strom entsteht. Zum Vergleich, bei einer

Photovoltaik Anlage entsteht mit 56 g ungefähr nur die Hälfte, bei Windkraft nur 9,7
g und bei Wasserkraft können es sogar nur 2,7 g sein. Es ist ein absolutes Unding,
dass die Bundesregierung diese erneuerbaren Energieformen nicht stärker fördert,
sondern ihnen vielmehr noch Steine in den Weg legt, um die fossilen Energieträger
weiter zu unterstützen. Naja aber das soll heute nicht das Thema sein.
Wir sehen also, mal ganz abgesehen von den anderen massiven Gefahren der
Atomenergie entstehen bei dem Betrieb der AKWs CO2 Emissionen über den
kompletten Lebenszyklus, die Atomspirale.

Betrachten wir die Atomspirale genauer:
Für den Betrieb eines AKWs wird Uran benötigt. Dieses wird unter katastrophalen
Bedingungen unter anderem in Ländern des globalen Südens abgebaut, wobei durch
den Tagebau viel Landmasse abgetragen, Landschaften zerstört und auf Jahrzehnte
verseucht werden, um den Treibstoff der Atomkraftwerke, das Uranerz zu gewinnen.
Das gewonnene Uranerz wird dann über Schiffe in die jeweiligen Länder transportiert
und über ein energieaufwendiges Verfahren angereichert, bevor es zu
Brennelementen weiterverarbeitet werden kann. Das dabei Unmengen CO2 entsteht
versteht sich von selbst. Sieht man mal von diesen Aspekten ab macht sich der
deutsche Staat abhängig von anderen Ländern. Wohin das führt sehen wir gerade an
der aktuellen Energiekrise mit der Schließung der Straße von Hormus.

Betrachten wir die nächste Station der Atomspirale:
Den Bau eines AKWs:
Für den Bau werden mehrere hunderttausend Tonnen Stahl und Beton benötigt. Hier
nur ein paar Zahlen: Für den Reaktordruckbehälter werden bis zu 700 Tonnen Stahl
benötigt, für den Dampferzeuger 400, von denen es jeweils vier in einem AKW-
Block gibt. Hinzu kommen die Reaktorgebäude mit einer Wandstärke von 1,8 m und
einer Gesamtmasse von ca. 200 000 t Stahl und Beton, die Kühltürme, der Reaktor,
das Maschinenhaus und weitere Gebäude. Wenn wir uns vor Augen führen, dass für
die Herstellung von Beton Sand und Zement benötigt und Zement bei einer
Temperatur von mehr als 1500°C hergestellt wird, wird schnell klar, dass bei diesem
Prozess tonnenweise CO2 entsteht. Zum Beispiel bei der Herstellung von einer Tonne
Zement entsteht ca eine Tonne CO2. Nicht umsonst finden regelmäßig Aktionen vor
der Zementfirma Heidelberg Materials, früher Heidelberger Zement in Heidelberg
statt, um auf den Klimakiller der Zementherstellung hinzuweisen. Von der
Herstellung des Stahls ganz zu schweigen. Bei der Herstellung von Stahl bei
ebenfalls ca 1500°C entsteht bei einer Tonne Stahl zwischen 1,5 bis 2,5 Tonnen CO2
je nach Stahlqualität. Insgesamt kostete der Bau eines AKW Blocks Flamanville 3
in Frankreich 23,6 Milliarden €.

So, damit haben wir den Abbau des Urans und den Bau eines AKWs betrachtet, die
nächste Station ist der Betrieb. Auch wenn während der eigentlichen
Energiegewinnung kein CO2 entsteht, so fallen doch regelmäßige Wartungsarbeiten
an. Auch müssen Brennelemente regelmäßig jedes Jahr ausgetauscht werden.
Was passiert mit den ausgetauschten, den abgebrannten Brennelementen?
Da die Frage der Endlagerung nicht geklärt ist, werden diese in den sogenannten
Zwischenlagern für hochaktiven Atommüll an den AKW Standorten erstmal
zwischengeparkt, womit wir bei der nächsten Station der Atomspirale wären: dem
Zwischenlager.
Die abgebrannten Brennelemente werden in sogenannten Castorbehältern
aufbewahrt, die wiederum in Zwischenlagern stehen. Die Zwischenlager werden an
den AKW Standorten errichtet, mit einer Wandstärke von 80cm (Philippsburg) bis
1,20 m (Brunsbüttel) Dicke und einer massiven Bodenplatte. Und hierbei sprechen
wir nur von der Lagerung der abgebrannten Brennelemente.
Ob diese Lager vor terroristischen Anschlägen bzw. vor einem Drohnenangriff,
schützen darf stark bezweifelt werden.

Betrachten wir den nächsten Schritt der Atomspirale. Ihr seht es gibt viele Schritte
innerhalb der Atomspirale und wir sind leider auch noch nicht am Ende. Betrachten
wir den Abbau eines AKWs so dauert dieser Vorgang zwischen 20 und 30 Jahren. Die
EnBW selbst rechnet insgesamt mit Kosten für den Rückbau der AKWs in Baden-
Württemberg von 6 Milliarden Euro. Kosten, die die Atomlobby auf uns
Stromkunden bzw. Steuerzahler abdrückt, frei nach dem Motto:
Gewinne privatisieren, Kosten verstaatlichen.
Aber was passiert mit dem Müll, der bei dem Abbau anfällt, was passiert mit den
Unmengen an abgebrannten Brennelementen, die in den Zwischenlagern stehen?

Damit kommen wir zum letzten Schritt der Atomspirale:
Der Endlagerproblematik.
Seitdem Gorleben im Jahre 2013 zu Recht als ein unzureichendes Endlager deklariert
wurde, streitet sich die Expertenkommission, wo ein geeigneter Standort für den
hochradioaktiven Atommüll sein könnte. Dass diese Frage nicht trivial ist, sehen wir
an den Zuständen in dem Lager für mittelaktiven Atommüll in Asse, wo Wasser in
den Stollen eingedrungen ist und die Fässer mit radioaktivem Müll vor allem aus dem
ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe unaufhörlich vor sich hin rosten.
Solange die Frage des Endlagers nicht geklärt ist, wird der Müll in sogenannten
Zwischenlagern gesammelt. Schon jetzt ist klar, dass der Müll einige Jahrzehnte dort
deponiert werden muss, da mit einem Endlager erst in 40 bis 50 Jahren zu rechnen
ist. In welchem Zustand die Castoren dann sind, nachdem sie jahrelang im
Zwischenlager standen, ist völlig unklar.
Jahrzehntelang hat die Anti-AKW Bewegung für den Ausstieg aus der Atomenergie
gekämpft. Neben den anderen hohen Risiken, die diese Technologie mit sich bringt,
stand auch immer die ungeklärte Frage nach der Endlagerung in Zentrum der
Debatte.

Bis heute gibt es keinen Ort, wo ein sicheres Endlager entstehen könnte. Bis ein
solches in Betrieb genommen werden kann, lagert der Atommüll weiter in den
Zwischenlagern und muss dann irgendwann quer durch die Republik zum Endlager
transportiert werden.
Wir sehen also, die Behauptung, die Atomenergie sei eine CO2 neutrale Energieform,
ist eine dreiste Lüge.

Es ist gut, dass der Atomausstieg in Deutschland endlich vollzogen wurde, doch mit
dem atomaren Erbe müssen sich noch Generationen nach uns auseinandersetzen.
Doch dürfen wir uns nicht zurücklehnen. Die Suche nach einem geeigneten Endlager
muss weiterhin von unserem Protest, einer kritischen Öffentlichkeit und Druck
begleitet werden, damit die Suche nach wissenschaftlichen Kriterien getroffen wird,
basierend auf dem neuesten Stand von Wissenschaft und Technik, und nicht nach
kommerziellen, profitorientierten oder politischen Gesichtspunkten.

Dass es notwendig ist, der Atomlobby und den Mächtigen auf die Finger zu schauen,
zeigt sich auch an der jüngsten Meldung vom 20.04 diesen Jahres:
Der deutsche Staatsfond Kenfo, der eigens dafür eingerichtet wurde, die Endlagerung
von Atommüll in Deutschland zu finanzieren, lockert seine langjährige Beschränkung
für Investitionen in Waffenhersteller. Das bedeutet, dass Geld, was eigentlich für die
Endlagersuche reserviert war, nun in die Waffenindustrie gesteckt werden soll, ein
Skandal sondergleichen.

Wir sehen, auch nach dem Ausstieg bleibt viel für uns zu tun. Wir müssen weiterhin
auf der Hut sein, das Handeln der Atomlobby weiterhin kritisch begleiten, denn sie
wittern ihre Chancen, sei es zum Thema Endlager, small reactors oder der atomaren
Bewaffnung.
Lasst uns gemeinsam widerständig bleiben und weiterhin für eine Welt ohne AKWs
und atomare Bewaffnung kämpfen.