40. Jahrestag der Atomkatastophe Tschernobyl

Rede der Anti-Atom-Ini KA am 25.04.26 am KA Hbf

Silke Gilliard: Teil 1. Die Katastrophe

Am 26. April 1986 ereignete sich im Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine der bisher schwerste Atomunfall in der Geschichte der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomenergie.
Unfallhergang: Das Atomkraftwerk Tschernobyl gehörte zu einem Reaktortyp, der ausschließlich in der ehemaligen Sowjetunion gebaut wurde. Während eines planmäßigen langsamen Abschaltens und eines gleichzeitigen Versuchsprogramms zur Überprüfung verschiedener Sicherheitseigenschaften der Anlage, kam es zu einer unkontrollierten atomaren Kettenreaktion. Dies führte zu einer Explosion des Reaktors, die das rund 1.000 Tonnen schwere Dach des Reaktorbehälters anhob. Mangels eines Beton- und Stahlschutzes lag der Reaktorkern infolge der heftigen Explosion frei, so dass radioaktive Stoffe aus dem Reaktor ungehindert in die Atmosphäre gelangten.

Das im Reaktor verwendete Graphit brannte. Bei den Lösch- und Aufräumarbeiten wurden viele Beschäftigte des Reaktors, Feuerwehrleute sowie als „Liquidatoren“ bekannte Rettungs- und Aufräumkräfte einer extrem hohen Strahlenbelastung ausgesetzt. Viele von ihnen starben nach vielen Jahren.

Die Freisetzungen radioaktiver Stoffe konnten erst nach 10 Tagen durch den Abwurf von ca. 5.000 Tonnen Sand, Lehm, Blei und Bor aus Militärhubschraubern auf die Reaktoranlage und das Einblasen von Stickstoff zur Kühlung des geschmolzenen Kernbereichs beendet werden.

In den Jahren 1986 und 1987 waren über 240.000 Personen als Liquidatoren innerhalb einer 30-KilometerSperrzone rund um den havarierten Reaktor eingesetzt. Weitere Aufräumarbeiten wurden bis etwa 1990 durchgeführt. Insgesamt waren etwa 600.000 Liquidatoren für den Einsatz registriert.

Anete Wellhöfer: Teil 2: Die Folgen

In diesem Beitrag sage ich etwas zu den Folgen, also zu der radioaktiven Ausbreitung im Umkreis der Atomanlage Tschernobyl und über ganz Europa:

Aufgrund der Explosion gelangten vom 26. April bis zum 6. Mai 1986 in erheblichem Maße radioaktive Stoffe in die Umwelt. Durch den 10 Tage anhaltenden Reaktorbrand entstand eine enorme Hitze. Mit dem thermischen Auftrieb gelangten tagelang große Mengen radioaktiver Stoffe durch das zerstörte Dach der Reaktorhalle in Höhen von vielen Tausenden Metern. Verschiedene Luftströmungen, also Winde, verteilten die radioaktiven Stoffe über weite Teile Europas. Sie verseuchten radioaktiv große Teile Europas. Wolken brachten eine der radioaktiven Wolken am 1. Mai 1986 auch nach Süddeutschland und damit auch nach Karlsruhe.

Freigesetzt wurden viele radioaktive Edelgase, wie etwa Xenon-133, leicht flüchtige Stoffe wie radioaktives Jod, Tellur und radioaktives Cäsium, die sich mit dem Wind weit über die Nordhalbkugel, insbesondere über Europa, verteilten. Darunter waren aber auch schwere radioaktive Nuklide wie Strontium und Plutonium, die sich vor allem in einem Umkreis von etwa 100 Kilometern um den Unfallreaktor Tschernobyl in der Ukraine und in den angrenzenden Gebieten von Belarus ablagerten.
Aufgrund ihrer vergleichsweise kurzen Halbwertszeiten waren radioaktives Jod und Xenon-133 drei Monate nach dem Unfall praktisch aus der Umwelt verschwunden.
Cäsium-137 und Strontium-90 haben dagegen eine Halbwertszeit von rund 30 Jahren und kontaminieren die Umwelt deutlich länger:

40 Jahre nach dem Atomreaktorunfall in Tschernobyl hat sich die Aktivität dieser radioaktiven Stoffe etwa halbiert. Plutonium-239 und Plutonium-240 haben mehrere Tausend Jahre Halbwertszeit – diese vor allem in der näheren Umgebung des Unfallreaktors vorzufindenden radioaktiven Stoffe sind bis heute praktisch nicht zerfallen, ihre Aktivitäten sind etwa so hoch wie 1986.

Am 1. Mai 1986 trafen die radioaktiven Luftmassen des Reaktorunfalls von Tschernobyl in Deutschland ein.
Aufgrund heftiger lokaler Niederschläge im Süden Deutschlands, wurde Süddeutschland deutlich höher belastet als Norddeutschland. Die radioaktiven Stoffe lagerten sich unter anderem in Wäldern, auf Feldern und Wiesen ab, auch auf erntereifem Gemüse und Weideflächen. Radieschen und frischer Salat durften nicht mehr gegessen werden, ebenso Milchprodukte. Noch heute müssen in Bayern geschossene Wildschweine getestet werden.

Der 40. Jahrestag des Super-GAUs in Tschernobyl, soll uns Anlass sein der Opfer zu gedenken und die Erinnerung an die Atomkatastrophe wachzuhalten. Die Folgen von Atomkatastrophen und im Besondere die von Tschernobyl, halten bis heute an.
Wir mahnen, dass Atomenergie eine Hochrisikotechnologie ist die an Ländergrenzen nicht halt macht. Tschernobyl steht symbolisch für die Unbeherrschbarkeit der Atomenergie.

Harry Block: Teil 3: Die Folgen Vorort und in KA

Ich berichte Ihnen, wie die Menschen vor Ort, also in der Ukraine betroffen waren:
Am Tag nach dem Unfall wurde die Stadt Prypjat evakuiert, sie ist bis heute nicht bewohnt. Das Gebiet in einem Radius von 30 Kilometern rund um das Kernkraftwerk Tschornobyl (russ.: Tschernobyl) wurde anschließend zum Schutz der Bevölkerung vor hoher Strahlung zur Sperrzone.

Die Orte innerhalb der Sperrzone wurden evakuiert und aufgegeben – betroffen davon waren 1986 neben Prypjat auch Tschornobyl, Kopatschi und weitere Ortschaften. Die Sperrzone wurde später anhand der Höhe der Kontamination räumlich angepasst. Insgesamt wurden mehrere 100.000 Personen umgesiedelt – zwangsweise oder aus eigenem Antrieb.

Die größte Belastung der Bevölkerung ist die Belastung der Schilddrüse mit radioaktivem Jod. Die Zahl der Schilddrüsenkrebserkrankungen stieg nach 1986 in der Bevölkerung von Weißrussland, der Ukraine und den vier am stärksten betroffenen Regionen Russlands deutlich an. Dies ist zum größten Teil auf die Belastung mit radioaktivem Jod innerhalb der ersten Monate nach dem Unfall zurückzuführen.

Das radioaktive Jod wurde vor allem durch den Verzehr von Milch von Kühen aufgenommen, die zuvor kontaminiertes Weidegras gefressen hatten. Dies gilt als Hauptursache für die hohe Rate an Schilddrüsenkrebs bei Kindern. Radioaktives Jod wurde außerdem durch weitere kontaminierte Nahrung sowie durch Inhalation mit der Luft aufgenommen. Nach Aufnahme in den Körper reichert es sich in der Schilddrüse an.

Wird genau zum richtigen Zeitpunkt nicht-radioaktives Jod in Form einer hochdosierten Tablette aufgenommen, kann verhindert werden, dass sich radioaktives Jod in der Schilddrüse anreichert (sogenannte Jodblockade). Entsprechende Informationen der zuständigen Behörden gab es in den betroffenen Staaten der ehemaligen SowjetUnion für die Bevölkerung, insbesondere in ländlichen Gebieten, jedoch nicht – auch nicht darüber, dass potenziell betroffene Lebensmittel, insbesondere Milch, nicht oder nur eingeschränkt verzehrt werden sollte. Dazu kam, dass die betroffene Bevölkerung oft keine Alternativprodukte zur Nahrungsaufnahme zur Verfügung hatte.

Die Katastrophe erreichte am 1. Mai 1986 Deutschland. Am 1. Mai gegen 13 Uhr fiel der radioaktive Regen auf die Region Karlsruhe.

Das Reaktorunglück trifft Ost und West gleichermaßen unvorbereitet. Auch in der Bundesrepublik gibt es keinen Notfallplan, keine gesetzlichen Vorgaben für Grenzwerte, keine offiziellen Empfehlungen, welche Maßnahmen zu treffen sind. Dass eine Katastrophe wie diese eintreten könnte, hatte man schlichtweg nicht für möglich gehalten – oder halten wollen.

In den folgenden Tagen stiegen die Strahlenwerte in manchen Regionen auf alarmierend hohe Werte. Besonders betroffen waren Teile Süddeutschlands –dort wuschen heftige Regenfälle die radioaktiven Stoffe aus der Atmosphäre aus.

Auch die Empfehlungen, wie sich die Bevölkerung angesichts der Strahlung verhalten sollte, variieren. In den Medien wurde vielfach das Einnehmen von Jod-Tabletten empfohlen, was dazu führte, dass diese innerhalb weniger Tage in den Apotheken ausverkauft waren. Die Stadt Hamburg riet ihren Bürgern, bei Regen nicht nach draußen zu gehen. Niedersachsen empfahl Kleingärtnern, die oberste Bodenschicht in ihren Beeten abzutragen. Bauern sollten ihre Kühe von der Weide holen und Blattgemüse unterpflügen. Behörden empfahlen, Kinder nach dem Spielen im Freien abzuduschen, Klassenfahrten in die DDR oder in Ostblockländer wurden abgesagt.

Die Bundesregierung dagegen erklärte mit Berufung auf die Strahlenschutzkommission, dass das Spielen und Sporttreiben im Freien unbedenklich sei. Eine Auffassung, die wiederum manche Politiker und Wissenschaftler als verharmlosend und fahrlässig kritisierten. Die vielen unterschiedlichen Empfehlungen und Anweisungen trugen maßgeblich dazu bei, die Bevölkerung zu verunsichern. Dosengemüse und H-Milch statt Frischprodukte

Auch die Berichterstattung in den Medien, die plötzlich voll war mit Begriffen wie Becquerel, Millisievert, Caesium-137 und Jod-131, trug zur Verunsicherung bei. So titelte die TAZ am 2. Mai 1986: „Misstraut den Offiziellen – auch wir können gefährdet sein“. Auf die zunehmende Verwirrung reagierte die Bundesregierung mit einer Anordnung, nach der sich die Bundesländer an die Empfehlungen der Strahlenschutzkommission zu halten hätten – woraufhin viele Bürger auf Frischmilch und -gemüse lieber ganz verzichteten und stattdessen zu H-Milch und Dosengemüse griffen.

In der DDR gab es keinerlei Mahnungen.

In Deutschland gilt für Lebensmittel der Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm, bei Milchprodukten und Babynahrung sind es 370. Becquerel ist die Maßeinheit für den Zerfall von Atomkernen pro Sekunde. Zum Vergleich: Der Verzehr von einem halben Kilo Wildschweinfleisch mit 600 Becquerel würde die natürliche Strahlenbelastung, der ein Mensch in einem Jahr ausgesetzt ist, so erhöhen wie durch eine Röntgenuntersuchung oder einen Langstreckenflug.

Durch die Pilze ist auch das bayerische Wild weiterhin belastet. Frei lebende Wildschweine wühlen gerne in der oberen Waldbodenschicht und suchen nach Leckerbissen. Auf ihrem Speiseplan stehen Hirschtrüffel, die besonders stark mit Cäsium-137 belastet sein können. Bei jedem geschossenen Wildschwein muss daher geprüft werden, ob das Fleisch unbedenklich ist, bevor es in den Handel kommen darf. Es sind immer noch Wildschweine so radioaktiv belastet, dass sie nicht verzehrt werden dürfen.

Anete Wellhöfer: Teil 4: Die Schutzhülle

Im folgenden Beitrag spreche ich über die Schutzhülle den sogenannten Sarkophag in Tschernobyl. Um die im zerstörten Atomreaktor befindlichen radioaktiven Stoffe einigermaßen sicher einzuschließen und weitere Freisetzungen radioaktiver Stoffe in die Umgebung zu begrenzen, wurde von Mai bis Oktober 1986 eine als „Sarkophag“ bekannte Konstruktion aus Beton und Stahl um und über den zerstörten Reaktor errichtet. Wegen der Dringlichkeit blieb keine Zeit für eine detaillierte Planung. Die Schutzhülle war nach wenigen Jahren defekt.

2016 wurde mit internationaler Unterstützung eine etwa 110 Meter hohe Schutzhülle – das „New Safe Confinement“ – über den ursprünglichen Sarkophag in Tschernobyl geschoben und 2019 betriebsbereit in die Verantwortung der Ukraine übergeben. Die Schutzhülle ist rund 165 Meter lang und besitzt eine Spannweite von ungefähr 260 Metern; ihre projektierte Lebensdauer beträgt 100 Jahre. Der Rückbau des alten Sarkophags sowie die Bergung und sichere Endlagerung des darin enthaltenen radioaktiven Materials stehen an.

Heute, 2026, ist Tschernobyl nicht nur ein Ort der Erinnerung, sondern auch Teil eines aktuellen militärischen Konflikts. Im Februar 2022, zu Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine, besetzten russische Truppen das Gebiet des Atomkraftwerks Tschernobyl. Nach Angaben der Internationalen Atomenergieagentur IAEA und ukrainischer Behörden, gruben sich russische Soldaten in der besonders stark kontaminierten „Roten Zone“ ein – ohne ausreichenden Schutz. Der Verdacht: Die russischen Besatzer wussten nichts von der Strahlengefahr oder ignorierten sie. Nach rund fünf Wochen zogen sich die Truppen wieder zurück, offenbar mit ersten Krankheitsfällen unter den Soldaten.

Am 14. Februar 2025 schlug eine russische Drohne in die Schutzhülle ein, den sogenannten Sarkophag, des zerstörten Reaktors 4 im AKW Tschernobyl. Ein Sprengkopf verursachte ein über 15 Quadratmeter großes Loch und einen Schwelbrand. Der Drohneneinschlag beschädigte die Außen- und Innenwand der Schutzhülle, was zu einem Brand führte und die primäre Sicherheit des Einschlusses gefährdet. Die notwendige Druckdifferenz zwischen den Wänden konnte nicht mehr aufrechterhalten werden.

Die IAEA fordert eine umfassende Sanierung, da die Möglichkeit besteht, dass Radioaktivität austritt.Die Ukraine sagt, solange der Krieg anhält können sie nicht reparieren. Die Reparatur wird immense Kosten verursachen.

Was sollten wir daraus lernen. Atomkraftwerke, aber ebenso die 16 Zwischenlager in Deutschland sind tickende Zeitbomben und können mit Drohnen angegriffen werden.
Tschernobyl ist und bleibt eine Mahnung. Die Lehre von der Tschernobyl Atomkatastrophe 1986 ist heute aktueller denn je: Atomkraft kennt keine Grenzen – weder technisch, noch politisch, noch geografisch. Deshalb gibt es nur eine Forderung, weltweit alle AKWs abschalten und Kriege verhindern anstatt sie zu befeuern.

Harry Block: Teil 5: Aktuelle Lage

In Deutschland wird nach dem Atomausstieg 2023 über eine Wiederbelebung der Atomkraft debattiert.

– Die AfD fordert nach wie vor die Wiederinbetriebnahme der letzten stillgelegten Atomkraftwerke, obwohl bei einigen die Kühltürme schon gesprengt sind und der Abriss im Innern schon längst begonnen hat.

– Markus Söder (CSU) fordert ein Pilotprojekt für Mini-AKWs, die sogenannten small modula reactors (SMR), um die Versorgungssicherheit durch Kernenergie 2.0 zu erhöhen.

– EU-Kommissionspräsidentin und der Kanzler Merz halten den Ausstiegsbeschluss für falsch.

– Von der Leyen und die Europäische Union fördern den Ausbau von SMR mit 200 Millionen Euro.

– Gleichzeitig beginnt eine Diskussion um den Einstieg in die Fusionsforschung.

Die Technologie der kleinen modularen Reaktoren (SMR) gilt für die CSU als Hoffnungsträger. Diese Technik ist jedoch bisher kaum erprobt und besteht hauptsächlich aus Planzeichnungen. Ein Projekt in den USA wurde aus finanziellen Gründen eingestellt.

Auch wenn immer wieder eine „Renaissance“ der Atomkraft herbeigeredet wird: Die Fakten sprechen gegen Atomkraft. Denn sie ist und bleibt unsicher, unzuverlässig, gefährlich, dreckig und teuer. Punkt. Aus.

Vor einem Jahr verkündete das US-Energieministerium einen historischen Durchbruch: Erstmals gelang in einem Reaktor eine Kernfusion. Eine genauere Betrachtung zeigt, die Ergebnisse eignen sich nicht zur Stromerzeugung.

Die 3,5 Milliarden Dollar teure Anlage im kalifornischen Lawrence Livermore National Laboratory lieferte am 5. Dezember 2022 tatsächlich für einen ganz kurzen Augenblick 0,9 Kilowattstunden Energie. Eine Brennstoffkapsel mit den Wasserstoff-Isotopen Deuterium und Tritium wurde dabei so stark komprimiert und erhitzt, dass eine Kernfusion stattfand. Hauptsächlich trat der Energieüberschuss in Form von schnellen Neutronen auf – die sind zur Stromerzeugung allerdings überhaupt nicht nutzbar. Um diese Ausbeute zu erreichen, mussten die Forscher:innen das Hundertfache an elektrischer Energie in die Anlage stecken – der Energiegewinn war also rein theoretischer Natur. Das Experiment an sich hat minimalst Energie geliefert, der Versuchsaufbau deutlich mehr gekostet.

Kernfusion ist Jahrzehnte von Marktreife entfernt. Deshalb halte ich den ’neuen Hype‘ um die Kernfusion für unrealistisch. Es wird massiv Geld in eine Technologie gesteckt, die der Gesellschaft wenig Nutzen bringen wird und auch nicht zur laufenden Energiewende beiträgt. Die von der Bundesregierung bereitgestellte Milliarde Euro für die Fusionsforschung wäre im Zubau von erneuerbaren Energien sinnvoller investiert.

40. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl

Redebeitrag von Stefan Lau DFG-VK Karlsruhe am Sa. 25.04.2026 bei der Kundgebung am KA Hauptbahnhof

Ohne Atombomben keine Atomkraft – ein paar Gedanken zum Atomzeitalter“

Es gibt keine friedliche Nutzung der Atomenergie; am Anfang war die Atombombe!

Unsere Epoche des Atomzeitalters bedeutet die Möglichkeit der Selbstvernichtung der Menschheit, bzw.weise der Wahrscheinlichkeit der Selbstvernichtung.“

(Günther Anders, Hiroshima ist überall“, S. XXVII)

schwer auszuhalten, wir sollten es uns an Gedenktagen wir heute trotzdem immer wieder klar machen was Atomzeitalter bedeutet. – und heute kommen noch die globalen Folgen des menschengemachten Klima-Umbruchs dazu.

Kurze Erinnerung: Wie fing alles an:

Von 1942 bis 1945 entwickelten mehr als 150.000 Wissenschaftler*innen, Techniker*innen und Arbeiter*innen unter dem Codenamen „Manhattan Project“ die ersten Atombomben. Das „Manhattan Project“ wurde gestartet, weil Nazi-Deutschland an der Entwicklung einer Atombombe forschte. Bis Ende 1945 beliefen sich die Kosten auf 1,9 Milliarden US-Dollar. Das Manhattan-Projekt zählt zu den größten technischen Forschungs- und Entwicklungsprojekten der Menschheitsgeschichte.

  • 16. Juli 1945 wurde die erste Atomexplosion ausgelöst:
    der sogenannte Trinity-Test in New Mexiko im Tal »Jornada del Muerto«
    (Tag des Todes); es war eine Plutoniumbombe gleicher Bauart wie sie dann über Nagasaki abgeworfen wurde.
  • 6. August 1945: Abwurf der Uranbombe „Little Boy“ über Hiroshima durch den US-Bomber Enola Gay. Ungefähr 70.000 starben direkt am Tag des Angriffs, bis Ende des Jahres 1945 kamen weitere 70.000 Tote dazu. Fünf Jahre später sollten es rund 200.000 werden.
  • 9. August 1945: Abwurf der Plutoniumbombe „Fat Man“ von einem US-amerikanischen B-29-Bomber auf Nagasaki. Ungefähr 22.000 Menschen starben direkt am Tag des Angriffs, 42.000 wurden verletzt.

Aber auch ohne direkten Einsatz im Krieg führen Atomwaffen zu Tod und Elend. Angefangen bei der Gewinnung von Uran; das Uran für die Hiroshima-Bombe und für den Reaktor in Fukushima wurden in der gleichen Mine im Kongobecken geschürft, ein von Bürgerkrieg und Warlords dominiertes Land,

Unfällen mit Atombomben,
der Gefahr eines „Atomkriegs aus Versehen“,

den wenig beachteten Langzeitfolgen der Atombombentests und
der Gefahr eines Atomkriegs „aus Versehen“.

Am 17. Januar 1966 kollidierte ein Tankflugzeug der US-Luftwaffe mit einem B-52-Bomber mit vier Wasserstoffbomben an Bord. Beide Flugzeuge explodierten; die Einzelteile und die gefährliche Fracht fielen über dem kleinen Küstendorf Palomares in Andalusien vom Himmel. Bei zwei der vier Bomben öffnete sich der Fallschirm nicht. Sie zerbarsten beim Aufprall auf der Erde und verseuchten Luft und Boden rund um Palomares mit Plutonium und Uran. Die vierte Bombe fiel ins Mittelmeer und wurde erst 80 Tage später gefunden. – Die B52-Bomber flogen seit 1961 im Rahmen der Operation »Chrome Dome« mit H-Bomben täglich über Spanien. Während der Kubakrise 1962 waren täglich 42 Bomber in der Luft. Fünf Jahre lang
flogen mehr als 17.000 Bomber mit ca. 35.000 Wasserstoffbomben über Spanien, um „gegebenenfalls“ schnell auf einen Angriff der Sowjetunion zu reagieren. Kein anderes Land in Europa erlaubte damals solche gefährlichen Manöver in seinem Luftraum.

Am 21. Januar 1968 verursachte der Absturz eines mit Atomwaffen bestückten B-52 Bombers der US Air Force über Grönlandgroße Landflächen und die umliegenden Gewässer mit radioaktivem Plutonium. Die Besatzung konnte sich per Schleudersitz retten, die Maschine stürzte etwa 13 km südlich der US-Luftwaffenbasis Thule ab.
Ein Besatzungsmitglied starb bei dem Absturz, die anderen sechs überlebten.

Durch eine glückliche Fügung kam es beim Absturz der Wasserstoffbomben nicht zu einer atomaren Kettenreaktion. Allerdings explodierte der nicht-atomare Sprengstoff und führte zur großflächigen Verseuchung des umliegenden Geländes mit ca. zehn Terabecquerel radioaktivem Plutonium (Tera = Billion) sowie Uran, Americium und Tritiom.

Einige Eisschollen sanken unter dem Gewicht der radioaktiven Stoffe und nahmen die strahlenden Partikel mit auf den Meeresboden. Man schätzt, dass insgesamt etwa fünf Gigabecquerel (Giga = Milliarde) radioaktives Plutonium in die umliegenden Gewässer gelangten. Eine radioaktive Wolke driftete zudem vom Unglücksort nach Süden ab und verseuchte die Region rund um das etwa sieben Kilometer entfernt liegende Dorf Narssarssuk.

Grönland ist völkerrechtlich Teil Dänemarks, welches sich offiziell zur atomwaffenfreien Zone erklärt hatte. Nach Großdemonstrationen der Bevölkerung reagierte die dänische Regierung auf die radioaktive Verseuchung schließlich zumindest mit einer Protestnote an die USA.

Bei großflächigen Dekontaminationsmaßnahmen wurden nach Angaben der USA ca. 90 % des Plutoniums entfernt und als Strahlenmüll in die USA zurückgebracht. Schätzungsweise ein Terabecquerel Plutonium verblieb aber im Meer und Eis rund um Thule.

Die Aufnahme von Plutonium durch die Nahrung ist ein relevantes Gesundheitsrisiko für die indigenen Inughuit in der Region rund um Thule geworden, da deren Ernährung vor allem aus Fisch und Meeressäugern besteht, deren Fleisch durch das Plutonium kontaminiert wurde. Vor allem die Bewohner nahe gelegener Siedlungen wie Narssarssuk sind betroffen. Epidemiologische Studien ihres Gesundheitszustandes wurden jedoch nie veröffentlicht.

Die dänischen Aufräum- und Dekontaminationsarbeiter berichteten von einer erheblichen Rate an Krebserkrankungen und Todesfällen unter ihren Kollegen. Bei einer Erhebung aus dem Jahr 1995 wurden in einer Stichprobe von 1.500 Arbeitskräften 410 Todesfälle durch Krebserkrankungen gefunden. Ähnliche Studien wurden an den US-amerikanischen Arbeitern nie durchgeführt, obwohl sie dem radioaktiven Material stärker ausgesetzt waren als ihre dänischen Kollegen.

Am 7. April 1989 brach auf dem sowjetischen Atom-U-Boot „Komsomolez“ zwischen Norwegen und Spitzbergen in etwa 400 Metern Tiefe im Heck ein Brand aus. Die Crew konnte ein Feuer im Maschinenraum nicht unter Kontrolle bringen, 42 Menschen an Bord starben. Das U-Boot liegt seitdem in fast 1.700 Metern Tiefe in der Norwegischen See – mit einem abgeschalteten Atomreaktor und zwei nuklearen Sprengköpfen an Bord. Um eine radioaktive Verseuchung zu verhindern, wurden 1994 Torpedorohre und andere Löcher mit Titanplatten versiegelt.

Untersuchungen zeigen, dass es Anzeichen dafür gibt, dass radioaktives Material aus dem atomaren Antrieb wie auch gelagerter nuklearer Brennstoff zerfällt.
„Die gute Nachricht“: Im Meeresboden ringsum das U-Boot lässt sich das nicht weiter nachweisen – vermutlich wird das Material nachdem es austritt sofort durch das Wasser verdünnt und abtransportiert. Die Forschenden empfehlen aber, das Wrack trotzdem regelmäßig zu kontrollieren.

Auch bei uns im Südwesten gab es Unfälle mit Atomraketen:

Am 2. November 1982 versagten in Waldprechtsweier die Bremsen eines US-1Militärtransporters mit einer Pershing-I-A-Rakete. Ein Autofahrer wurde getötet und für die Bergung musste wegen der Explosionsgefahr der Kurzstreckenrakete der gesamte Ort evakuiert werden.

Am 11. Januar 1985 fing bei einer Routineübung eine Pershing-II-Rakete auf dem Militärgelände Heilbronn-Waldheide Feuer und brannte explosionsartig ab. In 250 Meter Entfernung waren gefechtsbereit Pershing-II-Raketen mit Atomsprengköpfen stationiert. 3 US-Soldaten wurden damals getötet und 16 schwer verletzt.

Die Folgen für die Bevölkerung und Arbeiter habe ich eben schon kurz angesprochen; die Langzeitfolgen der bislang über 2.000 Atomwaffentests weltweit werden bislang immer noch recht wenig beachtet:Nach einer Studie der internationalen Ärztinnen und Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) kam es allein durch oberirdische Atomwaffentests bis zum Jahr 2000 zu 430.000 zusätzlichen Krebstoten. Die betroffenen Regionen liegen meist fernab von den testenden Staaten und sind überwiegend von einer nicht-weißen Bevölkerung und ethnischen Minderheiten bewohnt.

Die größte Gefahr durch Atombomben ist meiner Ansicht nach ein Atomkrieg „aus Versehen“, wg. Fehlalarm; Ein Beispiel für viele weitere:

Moskau, am 26. September 1983, kurz nach Mitternacht: Ein sowjetischer Frühwarnsatellit meldet den Angriff einer Handvoll US-Raketen auf die Sowjetunion. Sonne, Satellit und US-Raketenfelder waren so aufeinander ausgerichtet, dass die Strahlen der Sonne von den Satelliten falsch identifiziert wurden. Glücklicherweise entschied sich der sowjetische Oberst Stanislaw Petrow, den Alarm nicht an seine Vorgesetzten weiterzuleiten.

Ausführlichere Infos zu allen genannten und vielen weiteren Unfällen mit Atomwaffen und den Gefahren eines Atomkriegs „aus Versehen“ findet ihr hier:
https://www.atomwaffena-z.info/start

Die Gefahr eines Atomkriegs „aus Versehen“ wird sich durch die nächstes Jahr geplante Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Deutschland weiter erhöhen, denn diese Raketen lassen sich praktisch ohne Vorwarnzeit abfeuern und treffen binnen Minuten ihr Ziel – eine politische Reaktion ist also kaum mehr möglich. Zudem lassen sich atomare und konventionelle Geschosse beim Anflug praktisch nicht unterscheiden.

„Möglich“ wird die geplante Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Deutschland, weil der INF-Vertrag 2019 durch die USA unter der ersten Präsidentschaft von Donald Trump (und danach durch Russland) aufgekündigt wurde. Der INF-Vertrag wurde 1987 unterzeichnet und führte zur Verschrottung der vorhandenen Mittelstreckenraketen und Verbot neuer Mittelstreckenraketen. Das der Vertrag damals zustande kam, war auch ein Verdienst der damaligen Friedensbewegung.

Wir rufen deshalb zu Demo gegen die geplante Stationierung von neuen Mittelstreckenraketen in Deutschland am 30.Mai Wiesbaden auf! Auch von Karlsruhe wird es eine gemeinsame Anreise geben; die Abfahrtszeit findet ihr (in Kürze) auf der Webseite des Friedensbündnis Karlsruhe:
https://friedensbuendnis-ka.de/

Eine (noch) weitgehend unterschätzte Gefahr sind Atomkraftwerke als Kriegsziele.

Am 14. Februar 2025 wurde die Schutzhülle des AKW Tschernobyl von einer russischen Drohne getroffen, die explodierte und das Dach durchschlug. Erst drei Wochen nach dem Angriff wurden die Brände als gelöscht bestätigt. Es bestand die Gefahr, das Radioaktivität austreten könnte.

In der Ukraine erleben wir das erste Mal, dass ein bewaffneter Konflikt in der Nähe von Atomkraftwerken stattfindet. Gegen militärischen Beschuss sind Atomreaktoren und auch die deutschen Zwischenlager für radioaktiven Atommüll nicht ausgelegt.

Dazu mehr am Sonntag um 17:00 Uhr, wenn wir in der Kinemathek den Dokumentarfilm „Atomkraftwerke im Krieg“ zeigen und den Regisseur Reinhart Brüning zu Gast haben.

Zum Thema gehört auch, dass Atomwaffen völkerrechtlich verboten sind!
Am 7. Juli 2017 stimmten auf Initiative der internationalen Friedensbewegung in der
UN-Generalversammlung 122 Staaten für die Annahme des Atomwaffenverbots-vertrags. Nachdem im Herbst 2020 mit Honduras der 50. Staat den Atomwaffen-verbotsvertrag ratifizierte, trat er am 22. Januar 2021 in Kraft.
Seit nun über fünf Jahren sind Atomwaffen also völkerrechtlich verboten!

Trumps Atombombendrohung:
Am 7. April stellte US-Präsident Donald Trump dem Iran ein Ultimatum:
Entweder der Iran schließe bis 20 Uhr US-Ostküstenzeit mit den USA ein Abkommen zur Beendigung des Krieges, oder „eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben und niemals wieder zurückkommen“.

ICAN dazu: https://www.icanw.de/neuigkeiten/pm-ican-verurteilt-trumps-vernichtungsdrohung/

und: https://www.atomwaffena-z.info/heute/blog/war-trumps-nukleare-drohung-ernst-gemeint

Abschließend noch ein Zitat von Kenzaburo Oe, japanischer Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger:

Der Glaube an die atomare Abschreckung und der an die friedliche Nutzung der Atomenergie sind unweigerlich mit einander verknüpft.
Wir müssen uns von beidem lösen.“

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit!

Stefan Lau, Sprecher der Gruppe Karlsruhe
Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen DFG-VK