Mythos Fusion lebt auch am Karlsruher Institut für Technologie – Campus Nord (KIT Nord)

von Harry Block

Kernfusion als Lösung aller Energieprobleme?

Das klingt zu schön, um wahr zu sein – und ist es auch. Doch trotz zahlloser praktischer Probleme stellen Atomkraftbefürworter:innen das Konzept immer wieder als realistische Option zur Stromerzeugung dar. In Bayern will die Landesregierung in Kooperation mit dem Unternehmen Proxima Fusion den ersten funktionsfähigen Kernfusionsreaktor der Welt bauen. CSU-Chef Söder will nach dem Bau des Forschungsreaktors die bei der Kernfusion entstehende Energie für Deutschland nutzbar machen. Wann? Frühestens 2050, sagt der Physiker Prof. Harald Lesch.

Über 40 Jahre forschte man im damaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe (heute KIT Nord) an der Atomkraft. Neben einem Schnellen Brüter, 2 Atomreaktoren und der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) werden mit Milliardenaufwand diese von der Bundestochter Kerntechnische Einrichtung (KTE) mit rund 700 MitarbeiterInnen ´zurückgebaut´. Über viele Jahrhunderte strahlender Atommüll in tausenden von Fässern, in mehreren oberirdischen Zwischenlagern, ist das Ergebnis.

Am KIT Nord arbeitet man aber auch seit über 20 Jahren mit Millionen Euro Forschungsgeldern vom Bund an der Fusion, vor allem am geschlossenen Brennstoffkreislauf (Deuterium-Tritium) für Fusionsreaktoren, was für den Dauerbetrieb entscheidend ist:

  • In der Materialforschung im Fusionsmateriallabor (FML) im KIT werden Materialien getestet, die den extremen Bedingungen – extrem hohe Temperaturen und Neutronenstrahlung – in einem Reaktor standhalten müssen. Im Institut für Technische Physik (ITEP) wird an der Supraleitung & Kryotechnik geforscht. Das ITEP entwickelt supraleitende Magnetspulen, die notwendig sind, um das heiße Plasma in Reaktoren wie ITER oder Wendelstein 7-X einzuschließen.

Am 5. Dezember 2022 gelang erstmals eine von Menschen gesteuerte Kernfusion mit positiver Energiebilanz:

  • „192 Laser konzentrierten ihre Strahlen für 20 Milliardstel Sekunden auf einen kleinen Fleck von der Breite eines Haares. Ein dort platziertes Pellet aus gefrorenem Wasserstoff erhitzte sich plötzlich. Äußere Schichten verdampften schlagartig zu Plasma. Das Pellet implodierte und erzeugte so im Inneren den erforderlichen Druck und Temperaturen über 100 Millionen Grad Celsius: Für einen kurzen Moment kam es zur Kernfusion. 2,05 Megajoule* Gesamtlaserleistung lösten Kernfusionsprozesse aus, die 3,15 Megajoule freisetzten.“

Allerdings ist damit noch keine Energie gewonnen. Fachleute schätzen, dass allein, um die Laser hochzufahren und im Betrieb zu kühlen, zunächst riesige Mengen von Energie notwendig waren. Um mit einer derartigen Fusionsanlage eine positive Energiebilanz zu erzielen, müsste man dauerhaft etwa ´15mal in der Sekunde eine neue Kapsel mit gefrorenem Wasserstoffgemisch einlegen und per Laserimpuls zünden´ – eine gewaltige technische Herausforderung:

  • In der National Ignition Facility, der Einrichtung des Lawrence Livermore National Laboratory, in der das Experiment stattfand, befindet sich der stärkste Laser der Welt, beherbergt in einem Gebäude so groß wie ein Fußballstadion. Diese riesige Forschungseinrichtung dient nicht allein der Entwicklung von Kernfusionsreaktoren. Die Fähigkeit, eine winzige Deuterium-Tritium-Kugel für einen Sekundenbruchteil auf mehr als 100 Millionen Grad Celsius zu erhitzen, stellt Bedingungen her, wie sie im Inneren einer Atomwaffenexplosion herrschen – auch hier sind Kernfusionen möglich.

Der Hintergrund der Experimente: So ist ein Abgleich von theoretischen Berechnungen mit den im Versuch gemessenen Ergebnissen möglich. Damit können die Wissenschaftler:innen die Wirkweisen von Atombomben validieren (zu prüfen, zu bestätigen und für gültig zu erklären), ohne tatsächlich Atombombentests durchführen zu müssen. Das ist ein Weg, Atomwaffen im Stillen weiterzuentwickeln.

Das ist insbesondere relevant, da die USA seit 1992 keine Atomwaffentests mehr durchführen. 

Die praktische Anwendung der Fusion bleibt allerdings Zukunftsmusik – wenn sie denn überhaupt kommt. Was in Kalifornien erstmals gelungen ist, fand in einem rein experimentellen Rahmen statt und hat nichts zu tun mit Reaktoren, die tatsächlich Energie für Haushalte liefern könnten. Von einer solchen Form der Energieerzeugung sind wir selbst in den optimistischsten Szenarien noch Jahrzehnte entfernt.

Ich höre und lese immer, dass mit der Fusion der Vorgang die Prozesse in der Sonne nachgebildet werden. Das stimmt so nicht, da in der Sonne Wasserstoff mit Wasserstoff fusioniert wird. Bei allen Versuchen in irdischen Laboren braucht man für die Fusion aber Tritium. Das ist überschwerer Wasserstoff, der radioaktiv ist und innerhalb von nur zwölf Jahren zerfällt. Darum ist Tritium auch extrem selten, auf der ganzen Erde gibt es nur wenige Kilogramm des Wasserstoff-Isotops.

Der Versuchsreaktor ITER (für „International Thermonuclear Experimental Reactor“) in Südfrankreich würde alleine für den Startprozess bereits riesige Mengen des Weltvorrats an Tritium benötigen.

Bis aus Versuchsreaktoren tatsächlich Kraftwerke werden, brauchen wir sie längst nicht mehr, weil Wind- und Solar-Anlagen die Versorgung gewährleisten.

Und dann gibt es da noch die Probleme mit den radioaktiven Strukturstoffen. Denn sollte es irgendwann – vielleicht in einigen Jahrzehnten – gelingen, einen zivilen Trägheits-Kernfusionsreaktor zu entwickeln, so entsteht in den Strukturmaterialien des Reaktors durch den Einfang hoher Ströme schneller Neutronen sehr viel langlebige Radioaktivität, ähnlich wie bei den jetzt laufenden, Elektrizität erzeugenden Atomspaltungsreaktoren. Diese radioaktiven Materialien zu entsorgen, vergrößert das gegenwärtige Problem der Endlagerung der hochradioaktiven abgebrannten Brennstäbe massiv.

Der Strom, der aus der Steckdose kommt, ist nicht davon zu unterscheiden, ob er aus der Kernfusion, einer Photovoltaikanlage oder einer Windkraftanlage kommt. Solange wir genügend Anlagen mit den entsprechenden Batteriespeichern haben, plus einigen Gaskraftwerken für steuerbare Kapazitäten bei Dunkelflauten, haben wir ein nachhaltiges, funktionierendes Energiesystem. Das gilt es auszubauen, das gilt es zu nutzen und resilient, also widerstandsfähig, belastbar und krisenfest zu machen, statt mit einer weiteren Technologie anzufangen, deren Entwicklung im wahrsten Sinne des Wortes in den Sternen steht.

*Joule (J): Basiseinheit für Energie, Arbeit und Wärmemenge im Gegensatz zu Watt. Während Joule die Energiemenge angibt, ist Watt die Einheit für Leistung, also die Energie pro Sekunde (1W =1J /s).

40. Jahrestag der Atomkatastrophe Tschernobyl – Rede der IL

am 25.04.26 am Karlsruhe 2026

Leider ist es in der letzten Zeit immer wieder zu hören: Atomkraft wäre als CO2 freie
Energieform die Lösung unserer Energieprobleme gewesen und es war falsch, wenn
nicht sogar fatal, aus der Atomenergie auszusteigen.
Lasst es mich klipp und klar an dieser Stelle sagen: Der Prozess der reinen
Energiegewinnung ist CO2 neutral, jedoch muss die komplette Atomspirale dabei
berücksichtigt werden, muss vom Abbau des Urans bis hin zur Endlagerung die
Atomenergie betrachtet werden. Dabei zeigt sich, dass die Behauptung, die
Atomtechnologie sei CO2 neutral, nicht zutreffend ist.
Der Weltklimarat schätzt, dass für den Betrieb eines AKWs bis zu 100 g CO2
Äquivalent pro produzierter Kilowattstunde Strom entsteht. Zum Vergleich, bei einer

Photovoltaik Anlage entsteht mit 56 g ungefähr nur die Hälfte, bei Windkraft nur 9,7
g und bei Wasserkraft können es sogar nur 2,7 g sein. Es ist ein absolutes Unding,
dass die Bundesregierung diese erneuerbaren Energieformen nicht stärker fördert,
sondern ihnen vielmehr noch Steine in den Weg legt, um die fossilen Energieträger
weiter zu unterstützen. Naja aber das soll heute nicht das Thema sein.
Wir sehen also, mal ganz abgesehen von den anderen massiven Gefahren der
Atomenergie entstehen bei dem Betrieb der AKWs CO2 Emissionen über den
kompletten Lebenszyklus, die Atomspirale.

Betrachten wir die Atomspirale genauer:
Für den Betrieb eines AKWs wird Uran benötigt. Dieses wird unter katastrophalen
Bedingungen unter anderem in Ländern des globalen Südens abgebaut, wobei durch
den Tagebau viel Landmasse abgetragen, Landschaften zerstört und auf Jahrzehnte
verseucht werden, um den Treibstoff der Atomkraftwerke, das Uranerz zu gewinnen.
Das gewonnene Uranerz wird dann über Schiffe in die jeweiligen Länder transportiert
und über ein energieaufwendiges Verfahren angereichert, bevor es zu
Brennelementen weiterverarbeitet werden kann. Das dabei Unmengen CO2 entsteht
versteht sich von selbst. Sieht man mal von diesen Aspekten ab macht sich der
deutsche Staat abhängig von anderen Ländern. Wohin das führt sehen wir gerade an
der aktuellen Energiekrise mit der Schließung der Straße von Hormus.

Betrachten wir die nächste Station der Atomspirale:
Den Bau eines AKWs:
Für den Bau werden mehrere hunderttausend Tonnen Stahl und Beton benötigt. Hier
nur ein paar Zahlen: Für den Reaktordruckbehälter werden bis zu 700 Tonnen Stahl
benötigt, für den Dampferzeuger 400, von denen es jeweils vier in einem AKW-
Block gibt. Hinzu kommen die Reaktorgebäude mit einer Wandstärke von 1,8 m und
einer Gesamtmasse von ca. 200 000 t Stahl und Beton, die Kühltürme, der Reaktor,
das Maschinenhaus und weitere Gebäude. Wenn wir uns vor Augen führen, dass für
die Herstellung von Beton Sand und Zement benötigt und Zement bei einer
Temperatur von mehr als 1500°C hergestellt wird, wird schnell klar, dass bei diesem
Prozess tonnenweise CO2 entsteht. Zum Beispiel bei der Herstellung von einer Tonne
Zement entsteht ca eine Tonne CO2. Nicht umsonst finden regelmäßig Aktionen vor
der Zementfirma Heidelberg Materials, früher Heidelberger Zement in Heidelberg
statt, um auf den Klimakiller der Zementherstellung hinzuweisen. Von der
Herstellung des Stahls ganz zu schweigen. Bei der Herstellung von Stahl bei
ebenfalls ca 1500°C entsteht bei einer Tonne Stahl zwischen 1,5 bis 2,5 Tonnen CO2
je nach Stahlqualität. Insgesamt kostete der Bau eines AKW Blocks Flamanville 3
in Frankreich 23,6 Milliarden €.

So, damit haben wir den Abbau des Urans und den Bau eines AKWs betrachtet, die
nächste Station ist der Betrieb. Auch wenn während der eigentlichen
Energiegewinnung kein CO2 entsteht, so fallen doch regelmäßige Wartungsarbeiten
an. Auch müssen Brennelemente regelmäßig jedes Jahr ausgetauscht werden.
Was passiert mit den ausgetauschten, den abgebrannten Brennelementen?
Da die Frage der Endlagerung nicht geklärt ist, werden diese in den sogenannten
Zwischenlagern für hochaktiven Atommüll an den AKW Standorten erstmal
zwischengeparkt, womit wir bei der nächsten Station der Atomspirale wären: dem
Zwischenlager.
Die abgebrannten Brennelemente werden in sogenannten Castorbehältern
aufbewahrt, die wiederum in Zwischenlagern stehen. Die Zwischenlager werden an
den AKW Standorten errichtet, mit einer Wandstärke von 80cm (Philippsburg) bis
1,20 m (Brunsbüttel) Dicke und einer massiven Bodenplatte. Und hierbei sprechen
wir nur von der Lagerung der abgebrannten Brennelemente.
Ob diese Lager vor terroristischen Anschlägen bzw. vor einem Drohnenangriff,
schützen darf stark bezweifelt werden.

Betrachten wir den nächsten Schritt der Atomspirale. Ihr seht es gibt viele Schritte
innerhalb der Atomspirale und wir sind leider auch noch nicht am Ende. Betrachten
wir den Abbau eines AKWs so dauert dieser Vorgang zwischen 20 und 30 Jahren. Die
EnBW selbst rechnet insgesamt mit Kosten für den Rückbau der AKWs in Baden-
Württemberg von 6 Milliarden Euro. Kosten, die die Atomlobby auf uns
Stromkunden bzw. Steuerzahler abdrückt, frei nach dem Motto:
Gewinne privatisieren, Kosten verstaatlichen.
Aber was passiert mit dem Müll, der bei dem Abbau anfällt, was passiert mit den
Unmengen an abgebrannten Brennelementen, die in den Zwischenlagern stehen?

Damit kommen wir zum letzten Schritt der Atomspirale:
Der Endlagerproblematik.
Seitdem Gorleben im Jahre 2013 zu Recht als ein unzureichendes Endlager deklariert
wurde, streitet sich die Expertenkommission, wo ein geeigneter Standort für den
hochradioaktiven Atommüll sein könnte. Dass diese Frage nicht trivial ist, sehen wir
an den Zuständen in dem Lager für mittelaktiven Atommüll in Asse, wo Wasser in
den Stollen eingedrungen ist und die Fässer mit radioaktivem Müll vor allem aus dem
ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe unaufhörlich vor sich hin rosten.
Solange die Frage des Endlagers nicht geklärt ist, wird der Müll in sogenannten
Zwischenlagern gesammelt. Schon jetzt ist klar, dass der Müll einige Jahrzehnte dort
deponiert werden muss, da mit einem Endlager erst in 40 bis 50 Jahren zu rechnen
ist. In welchem Zustand die Castoren dann sind, nachdem sie jahrelang im
Zwischenlager standen, ist völlig unklar.
Jahrzehntelang hat die Anti-AKW Bewegung für den Ausstieg aus der Atomenergie
gekämpft. Neben den anderen hohen Risiken, die diese Technologie mit sich bringt,
stand auch immer die ungeklärte Frage nach der Endlagerung in Zentrum der
Debatte.

Bis heute gibt es keinen Ort, wo ein sicheres Endlager entstehen könnte. Bis ein
solches in Betrieb genommen werden kann, lagert der Atommüll weiter in den
Zwischenlagern und muss dann irgendwann quer durch die Republik zum Endlager
transportiert werden.
Wir sehen also, die Behauptung, die Atomenergie sei eine CO2 neutrale Energieform,
ist eine dreiste Lüge.

Es ist gut, dass der Atomausstieg in Deutschland endlich vollzogen wurde, doch mit
dem atomaren Erbe müssen sich noch Generationen nach uns auseinandersetzen.
Doch dürfen wir uns nicht zurücklehnen. Die Suche nach einem geeigneten Endlager
muss weiterhin von unserem Protest, einer kritischen Öffentlichkeit und Druck
begleitet werden, damit die Suche nach wissenschaftlichen Kriterien getroffen wird,
basierend auf dem neuesten Stand von Wissenschaft und Technik, und nicht nach
kommerziellen, profitorientierten oder politischen Gesichtspunkten.

Dass es notwendig ist, der Atomlobby und den Mächtigen auf die Finger zu schauen,
zeigt sich auch an der jüngsten Meldung vom 20.04 diesen Jahres:
Der deutsche Staatsfond Kenfo, der eigens dafür eingerichtet wurde, die Endlagerung
von Atommüll in Deutschland zu finanzieren, lockert seine langjährige Beschränkung
für Investitionen in Waffenhersteller. Das bedeutet, dass Geld, was eigentlich für die
Endlagersuche reserviert war, nun in die Waffenindustrie gesteckt werden soll, ein
Skandal sondergleichen.

Wir sehen, auch nach dem Ausstieg bleibt viel für uns zu tun. Wir müssen weiterhin
auf der Hut sein, das Handeln der Atomlobby weiterhin kritisch begleiten, denn sie
wittern ihre Chancen, sei es zum Thema Endlager, small reactors oder der atomaren
Bewaffnung.
Lasst uns gemeinsam widerständig bleiben und weiterhin für eine Welt ohne AKWs
und atomare Bewaffnung kämpfen.